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Race Review Transvulcania 2014

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Das Schiff zurück nach Los Christianos (Teneriffa) schaukelt bei leichtem Wellengang hin und her. Die meisten Passagiere sind Läufer, sie schlafen in ihren Finisher Shirts bei diesen Bedingungen vorzüglich, andere folgen der Formel 1 Live Übertragung im TV. Ich wiederum versuch die wichtigsten Eindrücke und Erkenntnisse von der gestrigen Challenge auf der “Isla Bonita” festzuhalten, so lange sie noch präsent sind. Beginnen wir mit den Marketing – / Informationskünsten der spanischen Eventagentur. Die Teilnehmerliste wurde erst eine Woche vor Start veröffentlicht und auf der Webseite konnte man keinen strukturierten Organisationsablauf finden. Dafür war man stolz, dass der Lauf nun einen eigenen Song bekam. “Transvulcaniaaaaa corre corre no parés” – (renne, renne & halt niemals an), dass mir dies nicht durchwegs gelungen ist und dass ich die Insel auf den letzten Kilometern gar nicht “bonita” fand davon später mehr. Sinvoller wäre es auch gewesen eine ordentliche Informationspolitik zu organisieren, anstatt diesen blöden Jingle zu reimen. So kam es dann auch, dass ich am Samstag Vormittag nochmal mit dem Bus quer über die Insel musste um meine Startnummer abzuholen. Immerhin konnte ich aus dem Busfenstern die Umgebung auskundschaften und somit eine grobe Idee bekommen was am nächsten Morgen aufwartet. Das Streckenprofil hat mir Stefanie schön ausgedruckt und einlaminiert und ich habe mir die wichtigen Eckdaten gut eingeprägt und notiert. Des weiteren gab mir Tom aus Graz noch ein paar wertvolle Hinweise mit, er musste es ja wissen, da ihn dieser Wettbewerb letztes Jahr böse auf die Bretter gestreckt hat. Nach einem Blick auf die letztjährige Ergebnisliste hatte ich eine Zielzeit von 10h30min definiert, bei 83km auf dem Plan und dem gegebenen Umständen für mich eine harte Nummer, zumal ich mich nicht bewusst auf diese Challenge vorbereitet hatte. Lediglich kurze knackige Bergläufe, Intervalle im Gelände und ein paar Skitouren waren auf dem Programm, der Körper wird sich schon an den Schmerz erinnern und darauf einstellen. Eine auf das nötigste reduzierte Ausrüstung und eine gute Wasserstrategie sollten mir helfen Gewicht zu sparen. Auf meine eigene Verpflegung wollte ich dennoch nicht verzichten und an den bewährten SPONSER Produkten lag es jedenfalls nicht, dass dieser Tag zu meinem persönlichen “Waterloo” werden sollte. Auch bei den hohen Temperaturen und null Appetit hab ich fleissig meine Ernährung durchgezogen. Nun aber der Reihe nach:
Start 06:00 Fuencaliente:
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Der Shuttle hat uns pünktlich in der stockfinsteren Nacht aufgesammelt und zum Leuchtturm gefahren, als sich die Bustür öffnete kam mir gleich mal ein Windstoss mit einer Ladung feinstem Vulkansand ins Gesicht. Als Kontaktlinsenträger eine nette Angelegenheit die sich an diesem Tag noch mehrmals wiederholen sollte
(Besser und billiger als Vodka Eyeballing).
Ich hab mich bewusst in der Mitte eingereiht, da ich mich nicht vom Tempo der Spitzenläufer anstecken lassen wollte, bei meinem Trainingsstand und Streckenkenntnis = DNF. Punkt 06:00 Uhr bewegte sich ein elend langer Leuchtwurm den ersten Anstieg über einen Schutthügel mit messerscharfem, losen Lavageröll empor. Hier kam mir wieder in den Sinn was Tom sagte, dass man im ersten Teilstück praktisch nicht laufen kann, viel zu kräftezehrend, also möglichst leicht und kurz auftreten, sonst macht man negative Höhenmeter.
Km 10-30:
Nach 10min entledige ich mich meinem neon-orangefarbenen Startershirt, es hat als zweite Schicht am Start seinen Zweck erfüllt, da der Wind ordentlich gepfiffen hat. Das Feld ist sehr dicht, aber es geht sehr fair und diszipliniert zu, einige versuchen ihr Glück mit Stöcken, aber mit 4 Punkt Auflage auf diesem Untergrund kommt man nicht besser voran. War also die richtige Entscheidung die Poles nicht mitzunehmen. Ich erreiche Los Canarios die erste Ortschaft. Das ganze Dorf steht in der Dämmerung parat und peitscht die Karawane den Berg hoch. Ich greife nach einem Becher Wasser um mir den Staub aus dem Mund zu spülen. Ein paar Meter steile Straße die ich genieße, da ich mal richtig abstoßen kann. Ein herrlicher Moment! Ich laufe über der Wolkendecke während im Osten die Sonne auftaucht, bloß nicht übermutig werden… da ist es schon passiert – Touchdown! Der Handballen blutet und brennt wie Feuer. Mit diesem fiesen Lavagestein könnte man Lyoner schneiden. Irgendwo müsste ich meine Allgäuer Arnika Kügelchen haben, aber ich komm nicht ran (an deren Wirkung zweifle ich zwar nach wie vor, aber Stefanie hat sie mir auf den Weg mitgegeben und somit gehören sie nun zur Pflichtausrüstung). Die beiden Dematteis Brüder ziehen an mir vorbei, sie haben gleich ihr Ziel auf der Kurzdistanz 21k erreicht.
Foto 1
Die ersten 30km und 1800Hm sind hinter mir und ich liege voll im Plan hinsichtlich meiner Zielzeit 10h30min.
Km 30-45:
Zum ersten Mal bergab, es geht zum Refugio El Pilar durch Pinienwälder auf tückisch losem Geröll, ab und zu bohrt sich ein spitzer Stein in meine Sohle der meine Aufmerksamkeit weckt. Dicht hinter mir rauschen zwei Canarios heran, ich mach artig Platz, mit einem “Gracias chico” verschwinden sie wie in einem Italo-Western in einer Staubwolke die ich dankbar unter meinen Kontaktlinsen aufnehme. Trotz Brille – ein höllischer Schmerz! Ich muss mich erstmal ein paar Minuten hinsetzen. Gefühlt läuft mehr Wasser aus meinen Augen als in meiner Wasserflasche vorhanden ist. Zwei Bergwachtler fragen mich ob ich Schmerzen hätte. Ich erklärte ihnen, dass ich Linsen trage und mir der Sand in den Augen Probleme bereitet. So kann es also nicht gehen! Bei der nächsten Staubwolke also stehen bleiben und langsam bis 10 zählen!
Funktioniert, kostet aber Rhythmus und Zeit. In Pilar füll ich zum ersten Mal meine Trinkflasche und nehm Salz zu mir. Ein kurzer Profilcheck mit Karte und Uhr kommt mir im wahrsten Sinne des Wortes spanisch vor, 10km weniger auf dem GPS als auf dem Kartenausschnitt! Die SUUNTO Ambit hatte mich bisher noch nie getäuscht. Es folgen weitere 10km auf eher öden, steinharten Lehmwegen die aber zum Tempo machen taugen.
Foto 5
Km 45-58:
Ich freue mich, endlich geht es wieder bergauf, weniger Staub und im langen Berglaufschritt mach ich wieder einige Plätze gut die mir zuvor die flinken Spanier bergab genommen haben.
Ich spüre, dass meine kleinen Zehen mir langsam die Freundschaft kündigen – Naja denk ich mir, der Verlust des großen Zehennagels wäre schmerzhafter, schnell einen Saltstick geschluckt und weiter Richtung Pico de la Cruz. Hier hab ich einen etwas längeren Stopp eingeplant und siehe da es gibt Cola mit Eiswürfel und ein tolles Angebot an Leckereien. Ich trau mich nur an gewohnte Kost, Wassermelone, etwas Trockenobst und ein Stück Weissbrot mit Nugat. Zum Essen nehme ich mir kurz 5min Zeit um später keine Magenprobleme zu bekommen. Nur noch 8km leicht profiliert bis zum Roque de los Muchachos, dem höchsten Punkt der Reise und dann 2500m bergab bis auf Meeresspiegel. Es folgt ein Wechsel aus Lauf – und Gehschritt in der prallen Sonne. Ein Brite mit einem blauen Shirt sitzt auf dem Boden und schreit schauerhaft vor Schmerzen, ich frag ihn “cramps ?” – der arme Kerl kann mir nicht mehr antworten. Wechselseitig strecke ich ihm seine Waden durch aber sobald ich die Seiten wechsle fährt ihm der Blitz an einer anderen Stelle ins Bein. “You need salt” sagte ich ihm, er nuckelt daraufhin wie ein Säugling an seiner Flasche bleibt aber liegen. Er wünscht mir mehr Glück und bedankt sich herzlich … Ich muss weiter, mache mir aber keine weiteren Sorgen um ihn. Bis zum Roque muss er sich durchkämpfen, dann wird wohl vermutlich Schluss sein für ihn. Am Roque de los Muchachos tausche ich Buff gegen Sonnencap und tauche meine Ärmlinge tief in einen Bottich mit Eiswasser, während mir ein Helfer eine eiskalte Nackendusche verpasst. Wirklich ein tolles und sehr aufmerksames Helferteam hat der Veranstalter da rekrutiert, die kiloweise Eiswürfel und Cola auf den Vulkan hochgeschleppt haben. Nur nicht zu viel davon trinken … es fällt mir schwer vom kühlen Zuckerwasser loszulassen, ich würde es sonst bitter bereuen. Ich liege voll in der Zeit 07h40min, unglaublich bisher passt alles.
Salztablette und zügig weiter, der Planet feuert seine ganze Energie auf die Insel und schon wenige hundert Meter nach der Labestelle übergeben sich einige Läufer vor mir. Genau dies galt es zu vermeiden. Ich vergleiche die gelaufene Distanz mit einem anderen Läufer — “cuantos kilómetros tenés puesto en tu Garmin?” frage ich ihn, er antwortet cinquenta y cinco (55k). Stimmt haargenau überein! — Von nun an schenke ich dem Streckenplan der zum Download bereit stand keine Beachtung mehr.
Er meinte die Distanz sei nur 73km statt 83,3km ich muss grinsen und meine kleinen Zehen wecken neuen Lebensmut.
Km 58-67:
Den langen Downhill konnte ich nicht genießen, der Staub in den Augen zwang mich immer wieder zum Verzweifeln und brannte wie Chilli in den Augen. Meine Zielzeit schmolz langsam dahin, aber ohne sehen zu können und mit tränenden Augen wäre ein Bänderriss Programm. Ein Läufer mit roter Marathon Startnummer und leerer Handheld Bottle saß geknickt auf dem Boden, ich gab ihm einen lauwarmen kräftigen Schluck aus meiner Flasche den er dankbar entgegennahm. Einen Kommentar zu diesem Leichtsinn habe ich mir verkniffen. Mit jedem negativen Höhenmeter wird es schwüler und drückender, links und rechts reifen Bananen an den Palmen und ich beginne innerlich zu vertrocknen. Meine Patellasehnen mögen diesen Untergrund nicht, keine Almwiesen, kein richtiger Fels, keine Konzentration mehr und mein Akku wird rapide leer, ich kann nur noch gehen. Ich sehe schon unten die letzte Verpflegungsstation im Hafen von Tazacorte und die Bässe der Partymeile wummern mir entgegen. Ein Blick auf die Uhr ernüchtert mich, noch 1400m Abstieg und jeder Schritt schmerzt. Ich sehe voller Neid den Läufern nach, die noch in der Lage sind die steile Teerstraße bergabzurennen. Eine Geruchswolke von frittierten Calamares im Hafen verursacht ein kurzes Würgen, der Sprecher kündigt mich kurz mir Namen an und ein letzter Becher Cola mit Eis.
Km 67-72:
Die härtesten 5km meiner Läuferkarriere stehen an. Es geht durch ein trockenes Flussbett und stinkt nach Kloake, es geht nur noch in Zeitlupe voran, ich erinnre mich an Eidechsen an Mauern und einen Polizisten, der für mich den Verkehr mit einer Kelle anhielt. Eine Oma mit Rollator wäre wohl schneller gewesen. Ich erinnere mich an Scott Jurek und seine Badwater Erfahrung in Eat & Run.
1 geschlagene Stunde für 5km ! Zum ersten Mal war ich am Limit und meine Aufmerksamkeit galt nur noch meinem Kreislauf. Tief und ruhig atmen und den Kopf kühlen. Endlich hab ich den letzten Anstieg hoch nach Los Llanos geschafft, hier wimmelt es von Engeln …. sowas muss man erlebt haben, Kinderhände reichen mir Cola, ein Mann kommt mir aus einer Bar mit einer eiskalten Wasserflasche entgegen, ich versuche wieder in den Laufschritt zu kommen, aber es gelingt mir nur einige Meter. Ein Spanier kommt von hinten und schiebt mich an, der Motor stottert zwar fürchterlich aber es reicht zumindest für die letzten 150m im Laufschritt bis zur Ziellinie. Die Tränen stehen mir in den Augen, beinahe hätte mich die Insel bezwungen.
Finished Transvulcania 11h22min, zwar 50min über meiner geplanten Zielzeit – alles Nebensache! Viel wichtiger ist mir diese von Leid geprägte Selbsterfahrung und die Ausweitung der eigenen Grenzen. Heute hab ich zum ersten Mal am Limit gekratzt, aber trotz Hitze und brennender Augen hat mich die Insel nicht kleingekriegt.
Foto 2
Mein größter Dank gilt Stefanie, die mich immer unterstützt und nach dem Race wunderbar mit Pasta und Massagen aufgepäppelt hat.
Love you, du bist großartig!

3 Kommentare

  1. Wieder mal ein toller Bericht von dir Timo. Wie du die letzten 5 km beschreibst, du willst laufen doch der Körper macht nicht mehr mit… In dieser Situation dran zu bleiben und sich bis ins Ziel schleppen, da sind anvisierte Zielzeiten nur noch Schall und Rauch! Einfach durchkommen und das Ding beenden…Finishing is your only fucking option…Respekt und Hochachtung! Bin stolz auf dich Champ!

    Uwe

  2. Hallo Timo,
    Super Bericht von deiner Transvulcania Challenge.
    Herzlichen Glückwunsch, du bist echt Wahnsinnig :::)))

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