Finish

Race Review Zugspitz-Ultra 2013

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No easy way out!gripmaster_salomon_grey Der Tag kam schneller als gedacht. Gedankenspiele – hab ich genug trainiert? – richtig trainiert? – war die Teilnahme an einem Stadtmarathon zwei Wochen zuvor ein Fehler den ich nun bereuen könnte? – hab ich wichtiges Equipment vergessen?

Ich liebe es wenn Pläne funktionieren, doch eine Woche  vor dem Rennen kamen Zweifel auf, ob mein Raceplan mit Zielzeit 14h25min funktionieren würde, beide Quadriceps waren beleidigt und sagten mir erst 3 Tage vor dem Start wieder ihre volle Bereitschaft zu. Schnell alle Sachen zusammenpacken und noch ein paar Freunden und meinen Eltern den Link zum Live – Ergebnisdienst von DATASPORT verraten in der Hoffnung, dass sie die 374 möglichst lange live verfolgen können. Pünktlich um 06:30 war ich im Startbereich – 45min to go! Jetzt legt sich endlich die Nervosität und ich bin konzentriert in meinem Element. Schuhwahl nochmal kurz umdisponiert auf  SLAB5, da ich meinem linken Sprunggelenk erstmal ein wenig Komfort gönnen wollte. Ausrüstungskontrolle, Fotos mit Bekannten vor dem Rennen, da sich das Starterfeld sehr schnell in die Breite ziehen wird und einige ganz tapfer erst am nächsten Morgen ins Ziel einlaufen werden.

Schwabenstreiche

Auf dem Weg Richtung Ehrwalder Zugspitzbahn hab ich auf einmal gemerkt, dass meine Startnummer ausgerissen ist und nur noch an einer Aufhängung baumelt. Kein Wunder das Papier war bei der Luftfeuchtigkeit total aufgeweicht, keine Ahnung was sich der Veranstalter dabei gedacht hat. Zum Glück hatte ich ein paar Sicherheitsnadeln dabei mit denen ich dann provisorisch den Transponder und die Nummer fixieren konnte. Welch Horrorvorstellung – da rennt man 100km und am Ende gibt es keine Zielzeit und kein offizielles Finishing! Alles gut gegangen und ich konnte mich schnell wieder auf das Wesentliche, nämlich das Laufen konzentrieren. Irgendwann bin ich dann auf 2 Läufer aus dem Königreich Württemberg aufgeschlossen – Denis den Chefredakteur des Trail Magazins und einen zweiten Landsmann in einem grünen Lauftrikot. Kurzer Plausch in Mundart mit den beiden Flügelmännern aus dem Ländle über den Transalpine und ein süffisantes – ” der rennt vieeelzschnell” von Denis, womit er einen vorbeihastenden Läufer mittleren Alters meinte der bei km 8 wie besessen einen Wurzeltrail hochkeuchte, als gäbe es ob es oben Freibier.

… stairway to heaven

Der vor mir liegende Abschnitt ist mir bestens bekannt! Pestkapelle Ehrwald Richtung Feldernjöchel. Endlich wird es steil – love it! Bei Versorgungsstelle 2 kurz die Flasche aufgefüllt und im vorbeilaufen dem Gripmaster angeraunzt was für ein Mist diese Startnummern sind, wobei er mir was von Feedback per Mail hinterherrief …. genau, gleich wenn ich oben auf dem Sattel Richtung Predigtstuhl auf 2300m bin schrei ich es in die Welt raus – ” Drecks-Startnummern habt ihr da !” Das Feld hat sich hier bereits enorm auseinander gezogen – hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Vor mir mir sehe ich nur noch vereinzelt wie sich Läufer den steilen Trail hochwinden. Ein entgegenkommender Wanderer lässt mich wissen, dass ich auf Position 30 bin, er scheint alle Läufer gezählt zu haben. Die ersten Felder mit faulem Nassschnee lassen auch nicht lange danach auf sich warten. Am höchsten Punkt des Rennens war ich froh, dass mir ein Mann der Bergwacht durch ein lautes Rufen durch den Nebel – links halten – links halten – den Weg beschrieb. Das orangene Markierungsfähnchen war im Nebel beim besten Willen kaum zu sehen.

Touchdown – pain only hurts

Nun folgte der erste lange Downhill Richtung Hämmermoosalm, wo ich bei meiner Crew nach 40km einen ersten echten Zwischenstopp eingeplant hatte.
Um meine Oberschenkel nicht frühzeitig zu schreddern, wählte ich ein moderates Tempo und setzte konzentriert aber zügig die Schritte auf den technisch anspruchsvollen Trail. Ein 150m langes Schneefeld konnte man mit ein wenig Geschick, Stockeinsatz und Balance auf den Schuhen runterfahren. Mit einem Runner aus Österreich hatten ich sichtlich Spass und wir amüsierten uns über das Ungeschick eines ansonsten starken Läufers aus Ostdeutschland. Endlich kommt ein grober Schotterweg und es ist nicht mehr weit zur V4 wo Steffi, Michi, Paul und Moritz auf mich warten. Ich erhöhe die Schrittfrequenz und beuge meinen Oberkörper nach vorne um Fahrt aufzunehmen. Linkskurve – die Steine rollen unter meinem Schuh und ich stürze auf die linke Seite und verdrehe dabei etwas den Fuß, wobei ich instinktiv den Sturz mit der linken Hand abfedere. Der Handrücken brennt wie Feuer, das Ziehen in der linken Wade macht mir aber mehr Sorgen. Ich schrei einen Fluch aus und denk mir DNF- not yet, not yet! Ein nachkommender Schweizer fragt ob ich OK bin und meint, dass die Steine hier sehr spitz sind …. Schlaumeier, wenn ich mir meine blutige Hand ansehe, dann könnte er sogar recht haben. Kurzer A-Check – volle Motorik vorhanden, nix gestaucht ich kralle meinen Stock und mach mich wieder auf den Weg, wobei mir ehrlich gesagt der Schrecken ein wenig im Nacken sitzt. Die Wade steht die nächsten Kilometer noch ein wenig unter Beobachtung und ich versuche durch leichte Belastungswechsel den Muskel zu stimulieren. An V4 ist die Stimmung etwas gedrückt nachdem ich meine Hand vorzeigte, dennoch hat alles reibungslos geklappt. Wunde provisorisch gereinigt und mit Tape umwickelt, Elektrolyt aufgetankt, Gel-Flasks getauscht und weiter. Antjes kleiner Sohn Paul ruft mir noch sichtlich aufgeregt -“Timo du schaffst das”- hinterher. Worte die mich noch die nächsten paar Kilometer in Gedanken begleiten sollten. Am Hubertushof in 8km sehe ich sie wieder und gebe nebenbei noch meine Bestellung zum Essen auf. 8km klingt zunächst wenig aber dazwischen liegt noch das Scharnitzjoch mit 700Hm Aufstieg. Wieder taucht Stephan Gripmaster wie aus dem nichts wie ein Geist hinter einem Baum hervor, diesmal mit blauer Brille auf der Nase und ruft …” Hey, läuft doch und geschmissen hat es dich ja auch!” zu. Ich erwidere ihm daraufhin, …“das einzigste was hier läuft ist das Blut von meinem linken Stock und meine Nase” und verschwinde im Wald. Der Typ lauert einen auch immer auf den einsamsten Plätzen auf. Überraschungsmomente eines Fotografen halt.

 530

Den Downhill Richtung Hubertushof konnte ich nicht in vollen Zügen auskosten. Erstens hatte ich nach dem vorherigen Crash noch ein wenig Respekt und zweitens spürte ich wie meine Zehen langsam aber sicher drohten mir die Freundschaft zu kündigen. Schuhwechsel bei V5 dringend angesagt. Ein vorauslaufender Läufer scheint richtig Schmerzen im Schuh zu haben, er läuft wie auf Eiern hält aber eisern das Tempo aufrecht. Steffi wartet schon mit meinem Nutella-Käse Doppeltoast in der Hand und parallel geht der Schuhwechsel von statten. Michi reicht mir volle Flaschen mit Elektrolyt und Moritz bringt mir einen Becher mit kühlem Wasser. Ein Salomon Kamerateam stellt mir noch Fragen zum Rennverlauf, persönlichen Ambitionen und Zielzeit und ich versuche mit vollem Mund die Fragen zu beantworten – keine Ahnung welchen Mist ich denen erzählt habe. Die eingeplanten 7min Pause sind vorüber,  ich ziehe die Schnürsenkel vom neuen Schuhwerk fest und straff die Gurte meines Laufrucksacks. Ein sagenhaftes Gefühl, neue Wechselschuhe und dazu noch die federleichten SENSE ULTRA. Zeitgleich mit der tapferen Nummer 530 verlasse ich V5 und wir machen uns gemeinsam auf den Weg Richtung Mittenwald. Neidische Blicke auf meine Wechselschuhe. Er teilt mir mit, dass er noch bis V6 in Mittenwald durchhalten muss wo seine Freundin mit dem Dropbag und Schuhwerk wartet. Wir laufen synchron und zügig den ebenen Ziehweg Richtung Geisterklamm und ich animiere ihn zum Durchhalten, da das Leiden bald ein Ende haben wird. Ein echter Beisser scheint das zu sein, labert kaum und setzt trotz Schmerzen eisern seinen Kurs fort- imponiert mir sehr!

Stockeinsatz

Mittlerweile hat auch #530 seit Mittenwald neues Schuhwerk. Bei V7 Wasser tanken und Schokolade bunkern. Ja, ihr habt richtig gehört - Timo isst Schokolade ! Vor mir steht ein Teller vollgetürmt mit Nusschokolade, hastig stopfe ich mir ein paar Stücke in die Backentaschen und wir setzen synchron unsere Mission ins letzte Drittel fort. Halbe Ferchenseeumrundung und dann das zähe Waldstück, technisch zwar völlig anspruchslos aber hier kann man auch richtig Zeit gutmachen oder liegen lassen wenn einem die Motivation ausgeht. Den Streckenposten rufen wir nacheinander -Zwo Sieben Vier & Fünf Dreißig – zu, da unsere Startnummern unkenntlich aussehen. Ansonsten mag ich das monotone Geräusch unserer Stöcke – auf solchen Abschnitten ziehen einen Labersäcke mental runter, diese Einsicht teile ich mit #530 und außer ein paar kameradschaftlichen Hinweisen zur regelmäßigen Einnahme von Salztabletten und Flüssigkeitsaufnahme rammen wir abwechselnd unsere Laufstöcke in den Boden. Hier wird die Strecke belebter, viele Nachzügler des Basis – und Supertrails die die Sache gemütlicher angehen säumen den Weg und machen uns anständig Platz sobald wir auftauchen. Manche wollen uns in Gespräche verwickeln, stellen Fragen zum 100k Streckenverlauf, aber wir antworten nur mit Fingerzeichen oder einem gutgesinnten Lächeln. Endlich das Waldstück hoch zum Osterfelder, hier kann ich mich wieder am Steilhang austoben. Der Waldboden ist griffig und ich spüre noch richtig Kraft in den Armen und Beinen und ziehe mich an den Stöcken hoch zur letzten Verpflegungsstation unterhalb des Osterfelders, ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass meine gesetzte Zielzeit in Reichweite ist.

Jägersteig – ” wo ist Fredl?”

Die letzten Höhenmeter an diesem Tag hoch zum Osterfelderkopf verlaufen wenig spektakulär, kurz bevor wir oben am Wendepunkt rechts abkippen um den längsten Downhill mit über 1000 Höhenmetern einzuleiten kneife ich mir kurz in den Arm um mir nochmals zu verinnerlichen, dass das Rennen noch nicht zu Ende ist. Volle Konzentration auf die Beinarbeit – keinen unkontrollierten Sturz riskieren! Erinnerungen an das letzte Jahr kommen mir wieder in den Sinn- damals hat es vor mir am Jägersteig – Downhill einen Italiener der Länge nach böse niedergestreckt. Dieser Streckenabschnitt ist meine persönliche Schlüsselstelle auf der kein Schuh dieser Welt Grip hat. Feuchte, runde Steine und Wurzeln auf schmierigem Waldboden bei eintretender Dunkelheit, was für mich als Kontaktlinsenträger noch erschwerend hinzukommt. Wie aus dem “Off” erreicht mich ein Ruf – “bravo weiter so – wo ist Fredl?” Ich dreh mich kurz um und erkenne die Begleit-Crew von #530, wen meinen die blos? Achso, #530 ! Antwort: ” der ist OK, kommt gleich hier vorbei”.  Es ist zwar noch hell, aber ich entscheide mich für die Stirnlampe im Waldstück – viel hilft viel. In der anschließenden Auswertung werde ich nachher feststellen, dass ich hier abermals ordentlich Zeit verloren habe – blos keine zweite Bodenprobe, der Respekt hat über die Courage gesiegt!

Die Erde hat mich wieder

Raus aus dem Wald, ich erkenne das Wirtshaus am Eingang zur Höllentalklamm. Hier sitzen die ersten Zuschauer und feuern die Ultras kräftig an. Welch eine Wohltat, Asphalt unter den Füßen bin ich etwa doch kein Trailrunner ???
Mit gr0ßen Schritten katapultiere ich mich durch Hammersbach, vorbei am Parkplatz Richtung Grainau  und bin überrascht wie viel Energie noch in mir steckt – gefühlter Schnitt von 04min 35sec /km  und das mit 98 km in den Knochen. Hab ich doch nicht alles gegeben?  Wäre noch mehr drin gewesen? – Finish in 14h 42 min – Zufriedenheit über die erbrachte Leistung und den fast eingehaltenen strategischen Rennverlauf. Manfred (#530) kommt ein paar Minuten nach mir ins Ziel, wir klatschen ab und bedanken uns für die fast 40km lange Begleitung als Flügelmänner.

The day after

Wie fühlt sich der Tag nach einem Race über 100km und über 5400Hm an?
- Feels great – no pain @ all!- 

Ein dickes DANKE an meine tolle Race-Crew Steffi und Michi für den perfekten Streckensupport, ihr hattet an diesem Tag einen nicht minder stressigen Job und langen Tag auf den Beinen!

 www.zugspitz-ultratrail.com

 

 

2 Kommentare

  1. Hi Timo,
    sitze gerade beim Frühstück und bin begeistert von deinem Bericht zum Zugspitz-Ultra.
    Bin gespannt wann ich ein erstes Buch von dir in Händen halten werde. Mach weiter so!
    Übrigens die Bilder vom Waldmarathon sind auch geil, coole Siegerehrung ;-)
    Ich starte heute Morgen wohl doch bei den Saarlandmeisterschaften über die Olympische Distanz, die leichte Erkältung scheint auskuriert. Hat gut getan diese mit dir darüber zu reden, es war das einzig Richtige bis heute nicht zu trainieren und dem Körper Ruhe zu gönnen. Ich fühle mich heute gut und freue mich um 11:30 Uhr am Start zu stehen, einzig das Schwimmen in der Saar macht mir etwas sorgen…
    Haferflocken mit Banane habe ich verdrückt und einen Kaffee, jetzt gibt es noch einen 2. und danach die Sponser-Verpflegung nicht vergessen.
    Rennmaschine und Neo liegen schon seit gestern Abend im Auto, jetzt noch den Rucksack packen und ab geht’s… Langsam steigt die Nervosität in mir hoch…werde dir berichten wie es gelaufen ist.
    Grüße Uwe

    • Hi Uwe,
      genau so ist es – manchmal ist weniger mehr.
      Man muss genau in sich reinhören, sonst kann das schnell in die Hose gehen.
      Hast ja am Jahresanfang gesehen wie es dir erging.
      No pain Champ – bin stolz auf deine Schwimmleistungen!

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